Goethes Faust im Konzerttheater Bern: Ein Haufen Scheisse

Was für ein Stück… Goethes Faust wird im Konzerttheater Bern gezeigt. Das wahrscheinlich bekannteste Werk des deutschen „uomo universale“ wird modernisiert und auf heutiges Niveau „gehoben“.

Es beginnt schon bizarr: Auf den wunderschönen roten Vorhang wird ein kurzer Einblick hinter die Kulissen projiziert und der Zuschauer wird damit schon ein bisschen auf alles Skurrile, was noch folgen wird, vorbereitet. Live oder vorproduziert, das weiss man am Anfang noch nicht. Es folgt der bekannte Prolog im Himmel; Gott und Mephisto dargestellt durch eine einzige Person, den hervorragenden Stefano Wenk, der einen Dialog im Monolog führt.

Es ist eine Inszenierung, die ständig die vierte Wand zu durchbrechen versucht. Es werden Stühle aufgestellt und man sieht für einmal alle fünf Schauspieler vereint, vier davon in Person und Christian Kerepeszki, der einen drogensüchtigen Faust darstellt, auf einem konvexen Halbrund abgebildet. Bekannte Textstellen werden durcheinander, aber im Takt, ins Mikrofon gesprochen, während sich über den Erzählern die Misere Faustens entfaltet.

Dieser Teil der Vorführung ist stellvertretend für den ganzen Rest: Gute Ideen, interessante Umsetzung, aber irgendetwas ist immer falsch. Die Textstellen und die verschiedenen Stimmen wirken, wären aber noch wirksamer, gäbe es das nervige Metronom im Hintergrund nicht. Man lernt Faustens „Keller“ als ein heruntergekommenes Loch kennen, welches man aber nach gefühlt zwanzig Minuten nicht mehr sehen kann und sich noch fragen muss, ob man noch im Theater ist oder sich schon im Kino befindet.

Während das ganze Stück dramaturgisch und, was das Bühnenbild angeht, gut ist, wird man stets von Tiefpunkten herausgerissen. Die Hintergrundmusik ist sehr passend, überliefert eine interessante Atmosphäre, wird aber ständig durch das Tröten der leider zu indezent eingesetzten „Regional Brass Band Bern“ überschattet. Das Bühnenbild ist speziell, ein sich drehender Halbkreis, auf welchen von beiden Seiten Bilder projiziert werden können. Leider sind alle Szenen auf der kleinen Bühne, da wo also einem die konvexe Seite zugewandt ist, um einiges besser als die anderen.

thumb_CL6gYh_cropAndResize_1228_320.5.184.5754.1498Die Regisseurin Claudia Bauer wollte schockieren. Ein schwarzer Pudel, der durch das Fenster steigt, sein Geschäft auf dem Bett verrichtet, Penisse an Wände und auf Blätter malt und durch schwarzen Humor Faust auf Abwege bringt. Das wirkt auch… zu Beginn. Das überdurchschnittlich junge Publikum lacht, man hat erreicht, was man wollte. Doch, sind wir uns sicher, Goethe würde sich im Grabe umdrehen, wüsste er, was man mit seinem Werk angerichtet hat.

Eine relativ gute Szene, die in Auerbachs Keller, ist nur für die Leute gedacht, die auch das Filmäquivalent „Fight Club“ von David Fincher kennen, in dessen Meisterwerk sich Edward Norton und Brat Pitt eins auf die Rübe geben. Doch funktioniert dies auch nur, weil das Original so gut war, und hätte in jedem beliebigen Stück gewirkt; es hätte nicht Faust sein müssen. Die darauffolgende Hexenküche ist eine Vorschau für den Zuschauer, die einem zeigt, wie tief das Minimum überhaupt liegen kann. Während Faust verjüngt wird und eine Reise in die 80er-Jahre macht, darf man einem „Wesen“ zuschauen, wie es vor seinem Analbereich mit Teufelsfigürchen spielt. Und auch hier: Anfangs gut, weil schockierend und unerwartet; danach dröge, weil zu lang gezogen. Nachdem man zehnmal irgendwelche Genitalien gesehen und studiert hat, sollte es langsam reichen. Da ist es auch wirklich zum Kotzen, wenn man einen nackten, Jesus darstellenden Mephisto haben muss, um die Aufmerksamkeit des Zuschauers aufrechtzuerhalten.

Ab der Hexenküche wird alles einfach nur noch ein Konglomerat aus Exkrementen, Dünnschiss und Kotze, um aufs Niveau der Inszenierung zu sinken. Da können ein eisgekühlter Bommerlunder, die Toten Hosen und ein Versuch, durch eine auf der Bühne herumrennende Kamera dem Zuschauer eine andere Perspektive zu geben, auch nicht mehr helfen. Statt dass man mit dem Ungewissen aufhört und sehnsüchtig auf den hier schon vorgezogenen Faust II wartet, will man hier am Ende einfach nur noch den Saal verlassen.

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