Interstellar: Eine Reise in die Weiten des Universums und dann wieder zurück zu sich selbst

Wo soll ich nur beginnen? Dieser Film hat etwas mit mir angestellt. Ich kann zwar nicht sagen, was genau, aber irgendwas ist anders.
Aber bevor ich da weiter darauf eingehe, ein Vorgeschmack: Hört euch einfach dieses Stück Soundtrackgeschichte an; Hans Zimmer hat sich wieder mal selbst übertroffen. Ja, man hasst ihn oder man liebt ihn und mir ist es egal, dass er eine Abmachung mit den Studios hat, dass er nicht mehr für den Oscar nominiert wird, diese musikalische Untermalung muss belohnt werden. Selten habe ich mich so gefühlt, wie in diesem Film. Zimmer schafft es mit der Musik einen, passend zu den Kamerabewegungen, in den Stuhl zu pressen, einen ins Schwitzen zu bringen, zu bedrücken und zu begeistern. Heute bin ich zu diesem Lied  in die Schule gelaufen und musste vor Gänsehaut fast stehenbleiben. Ich weiss nicht recht wie, aber dieser Soundtrack holt mich genau da ab, wo er es sollte.

Aber nun zum Film selbst.

Zunächst ist da das Verständnis des Begriffs Film an sich. Dieser Film ist alles was Gravity hätte sein können. Naja, das ist ein Statement, hat Gravity ja sogar sieben Oscars bekommen, aber seine Stärke war ganz klar alles Technische. Cuarón ist was das angeht ein Genie, aber gute, packende und glaubwürdige Geschichten kann er nicht wirklich erzählen. Jetzt haben wir hier Christopher Nolan als Regisseur (Inception, Memento, Dark Knight), der bekannt dafür ist fordernde Geschichten zu schreiben und der mit Matthew McConaughey ins Schwarze getroffen hat. Wir folgen ihm als Protagonist durch fünf Dimensionen, wortwörtlich, sehen jede mögliche Gesichtsregung und er zeigt mal wieder, was für ein guter Schauspieler er ist. Kürzlich noch für seine Rolle als AIDS-Kranker in „Dallas Buyers Club“ einen Oscar bekommen, in „Wolf of Wall Street“ als Broker zu sehen, spielt er die packende Rolle eines alleinerziehenden Vaters, Cooper, der früher NASA-Pilot und Ingenieur war und der sich zwischen seinen Kindern, der Welt und dem Wohle der Menschheit entscheiden muss. Ist man sich jetzt noch nicht wirklich bewusst, was das genau bedeutet, wenn ich sage Wohle der Menschheit“, wird einem das spätestens am Ende klar.

Der Film dreht sich um Dimensionen, um Liebe und um „Murhpy’s Gesetz“. Dabei ist der Film so unglaublich gut physikalisch fundamentiert, dass alles was in dem Film geschieht, theoretisch möglich wäre, aber momentan einfach noch zu weit entfernt ist von den heutigen Erkenntnissen der Physik. Während wir Cooper durch sein Leben auf einer Erde folgen, auf der die Wissenschaft zwar ein bisschen fortgeschritten ist, wird unser Planet durch Mehltau zerstört. Sogar das ist wissenschaftlich erklärt, in dem behauptet wird, dass Mehltau sich durch Stickstoff ernährt, und wir wissen ja, dass etwa 70 Prozent der Luft aus Stickstoff besteht.
Überall Staub, alles, was angepflanzt wird, zerfällt und das einzige, was momentan noch wächst, ist Mais. Die Welt braucht keine Wissenschaft mehr, man braucht Bauern, man braucht Nahrung. Die Erde bittet uns zu gehen. Wir gehören nicht mehr hier hin.

„Mankind was born on Earth. It was never meant to die here.“

Das begleitet uns durch den ganzen Film. Wir leben auf der Erde, wurden auf ihr geboren und sterben für gewöhnlich auch dort. Doch wer sagt, dass das so bleiben muss?
Während zunächst unerklärliche Ereignisse auftreten, nimmt sich Nolan etwa die gesamte erste Hälfte des 170-minütigen Blockbusters, um uns in das alltägliche Leben Coopers und seiner Familie einzuführen. Seine beiden Kinder besuchen die Schule; er, als ehemaliger Pilot und Ingenieur, muss sich damit zurecht finden, dass er nun der Weltbevölkerung dienen soll, indem er ganz einfach Mais anpflanzt. Klar, er ist überspezialisiert, aber das braucht es nun mal. Doch Cooper schafft es nicht, dies so richtig zu akzeptieren. Er hadert damit, dass unser eigene Planet uns hintergeht, indem er ins in den Ruin treibt. Doch während wir und die ganze Welt denkt, dass man sich nur noch aufs Überleben konzentriert, hören Organisationen wie die NASA, entgegen der allgemeinen Vorstellung, nicht auf zu existieren. Sie tüftelt im Geheimen an einem Plan, der die Menschheit retten könnte. Es gibt zwei davon: Der erste, Plan A, besteht darin, dass der Projektleiter Dr. Brand (Michael Caine) es schafft, die Gleichung der Quantengravitation zu lösen, um so macht über Gravitation zu erlangen, die Kraft, die uns noch an die Erde bindet. So würde man es schaffen, die Bevölkerung der Erde auf einen neuen Planeten umzusiedeln. Plan B wäre jedoch, falls man es nicht schafft, das physikalische Problem zu lösen, die Menschheit durch Eizellen auf einem angemessenen Planeten zu repopulieren.
Man erkennt jedoch das Problem schnell: Wo geht man hin? Wo findet man einen Planeten, der unseren Ansprüchen genügt und auf dem wir leben könnten?
Um eine Antwort hierauf zu finden, hat die NASA vor Jahren schon das „Lazarus Projekt“ in Leben gerufen: Ein Projekt, wo man dreizehn mutige Wissenschaftler durch ein in der Nähe des Saturns plötzlich aus dem nichts erschienenes Wurmloch schickt und auf der anderen Seite Daten über geeignete Planeten sammelt. Nun soll auch Cooper zusammen mit der Hilfe von mehreren andern Physikern, unter anderem auch mit der Tochter von Dr. Brand (Anne Hathaway), auch durch dieses Loch reisen, um zu überprüfen, was denn da los ist und im Notfall auf einem von drei vielversprechenden Kandidaten Plan B in die Tat umzusetzen. Cooper muss dabei als Pilot entscheiden, ob er sich schlussendlich für das Fortdauern der Menschheit oder für seine zurückgelassene Familie entscheidet, vor allem aber sorgt er sich um seine Tochter, die ihm sein Weggehen sehr übel genommen hat. Diese Vater-Tochter-Beziehung ist die Grundlage des ganzen Filmes.
Das war schon etwa das erste Drittel des Filmes, mehr möchte ich an dieser Stelle nicht sagen. Hattet ihr vorher schon Lust den Film zu schauen, habe ich vielleicht schon zu viel gesagt; wurde euer Interesse ein bisschen angeregt, dann geht und schaut ihn so bald wie möglich und wenn ihr schlicht keine Lust darauf habt, dann verpasst ihr ein einzigartiges Erlebnis, euer Pech…

Der Film hat eigentlich einen simplen Plot. Der Erde geht es schlecht, die Menschheit muss gerettet werden, wie macht man das und welche Opfer ist man bereit einzugehen? Nichts was es noch nicht gegeben hat. Jedoch tut das Nolan auf eine Art und Weise, wie sie noch nie da gewesen ist. Nolan schafft es, mich 170 Minuten lang an die Leinwand zu fesseln und einen mitzunehmen. Er lebt sein Können als Regisseur fast in Perfektion aus. Man versteht die Hintergründe der Charaktere, man leidet mit ihnen, man freut sich mit ihnen, man stellt sich selbst Fragen über Gott und die Welt, man beginnt sich mit Astronomie auseinanderzusetzen und man muss dafür nicht mal ein Physiker sein. Nolan nimmt ganz einfache Gedanken und weitet diese aus, ergänzt sie durch gewitzte Ideen und erschafft damit etwas komplett Einzigartiges. Ein Beispiel: Jeder kennt die Idee einer Künstlichen Intelligenz (AI). In der letzten Zeit gibt es immer mehr Filme darüber, wie zum Beispiel Transcendence mit Johnny Depp, die dieses Thema angehen. Nolan braucht in seiner Geschichte Roboter, die die Rolle von R2D2 einnehmen, und gibt ihnen Einstellungen wie „Sarkasmus“, „Ehrlichkeit“ und „Humor“. Diese Roboter allein haben mehr Charakter, mehr Witz und mehr Gefühl als Sandra Bullock in Gravity. Sie werden so gut charakterisiert, dass man manchmal gar nicht merkt, dass man es da mit einem auf Binärcode basierenden Gerät zu tun hat. Dies wird ergänzt durch phenomale Bildsprache, durch eine Filmmusik, die ich nicht genug loben kann.

An einer anderen Stelle spielt Nolan mit unseren Erwartungen: Cooper und seine Tochter Murphy (Ellen Burstyn und Jessica Chastain) streiten sich, er verlässt sie, um die Welt zu retten und sie versucht es später auf eigene Faust. „Ja er ist ja mal kurz weg, das kann doch nicht so lang sein, ist doch nicht so schlimm!“, mag man jetzt denken, doch hier kommt eine entscheidende Komponente ins Spiel. Der Film nimmt sich eine Grösse, die wir Menschen noch nie kontrollieren konnten und nützt sie sehr geschickt: Die Zeit.
Wir können in unseren drei Dimensionen jedes Objekt bewegen und beeinflussen, die Zeit jedoch bleibt unberührt. Sie schreitet voran, egal was man auch tut. Doch was passiert, wenn Gravitation ins Spiel kommt? Einsteins „Allgemeine Relativitätstheorie“ besagt, dass die Zeit für in grosser Gravitation befindliche Dinge langsamer vergeht. So kommt es, dass auf einem Planeten eine Stunde vergehen kann, während auf der Erde sieben Jahre vergehen. So muss Cooper realisieren, dass egal was er tut, seine Tochter um einiges älter geworden ist, während er kaum gealtert ist. Wie kann ein Vater damit umgehen? Was würde man selbst tun? Diese Inkompetenz, diese Schwäche, diese Aussichtslosigkeit wird einem so stark eigentlich fast schon ins Gesicht geworfen, dass man davon nahezu erdrückt wird.

Diese Gedankengänge hat man sonst nie, der Film regt einen dazu an, sich Gedanken über die Welt, in der wir leben, das Universum, Physik und uns selbst zu machen. Das scheinbar einzige „Ding“, was über die physikalischen Grenzen hinaus wirken kann, ist Liebe. Obwohl das der wahrscheinlich kitschigste Subplot aller Zeiten sein könnte, schafft es Nolan dies einem mehr oder weniger glaubwürdig rüberzubringen. Durch die Vater-Tochter-Beziehung von Cooper und Murph scheint uns der Weltraum, obwohl sie Lichtjahre voneinander entfernt sind, doch irgendwie klein. Und ständig begleitet uns ein Gespräch, was die beiden am Anfang geführt haben und dessen Ausmass uns erst am Schluss wirklich bewusst wird:

Murph: Dad, why did you and mom name me after something that’s bad?.
Cooper: Well, we didn’t.
Murph: Murphy’s law?
Cooper: Murphy’s law doesn’t mean that something bad will happen. It means that whatever can happen, will happen. 

Wer sich mit Lichtkegeln auskennt wird es am Schluss verstehen, dass alles, was wir sehen, ein Spiel von Gravitation und Liebe ist. Die Verbindung von scheinbar rein Physischem mit dem wahrscheinlich stärksten Gefühl, dass wir kennen, und das über unendliche Distanzen…
Ich empfehle sehr, diesen Reddit-Artikel zu lesen, nachdem man den Film gesehen hat. Er bringt dem Film eine gänzlich neue Ebene.

Ich kann diesen Film einfach nicht auf die Seite legen, ich würde ihn sehr gerne nochmal sehen, vielleicht kann ich dann mit ihm abschliessen. Ich finde man sollte diesen Film gesehen haben, er ist nicht nur ein gewöhnlicher Streifen, er ist Kunst und eindeutig ein Stück Filmgeschichte. Ich hoffe das zumindest ein paar Oscars für ihn drinliegen, der beste Film 2014 ist er für mich allemal. Schaut ihn euch an!

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