Gravity: Wie man durch etwas ganz Schlichtes eine unbegrenzte, unbremsbare Grösse darstellen kann

Mit grossen Erwartungen ging ich in diesen Kinosaal, nicht enttäuscht kam ich heraus. Was macht diesen Film so grossartig, wieso kann Alfonso Cuarón einfach nichts falsch machen?
Er geht die Dinge langsam an. Wir befinden uns im Weltall, kein Sauerstoff, kein Luftdruck, Temperaturen von +150°C bis -100°C, nichts…, nur Satelliten, Raumstationen, die Stimme des „Ground-Commandos“, atmosphärische Musik, Sandra Bullock und George Clooney… Wie kann so ein Film so einen Erfolg an den Box Offices haben?

Gegensätze

Der Film spielt dabei mit der ganzen Begrifflichkeit „All“; wir haben einen Film, welcher, als einer der wenigen, den ganzen Cast auf dem Werbeposter abbilden kann.

Wie man den ganzen Cast auf ein Poster bringt und er völlig ausreicht…

Er beginnt langsam mit einer unglaublich langen Sequenz, bei welcher man unseren schönen Blauen Planeten bei seiner eigenen Rotation beobachten kann. Im Hintergrund hört man Funksprüche und sieht schliesslich den erfahrenen Astronauten Matt Kowalski (George Clooney), wie er in einem Jetpack-Raumanzug ums Bild herumdüst. Diese Plansequenz, eine Sequenz, die ohne Schnitt auskommt, dauert etwa die ersten 17 Minuten und ist nur ein Vorgeschmack auf die unglaubliche graphische Leistung, welche einem hier geboten wird.

Matt Kowalski, die Ingenieurin Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) und drei andere Astronauten sind gemeinsam mit dem Space Shuttle „Explorer“ im All unterwegs. Es geht darum Reparaturarbeiten am Hubble-Weltraumteleskop durchzuführen, bei welchem die etwas unerfahrene (es ist ihr erstes Mal im All) Ingenieurin mit Heim am Lake Zurich in Illinois eine leitende Rolle innehat. Dabei kommen sie in Gefahr, weil Satelliten von irgendetwas getroffen wurden und jetzt Trümmer mit Geschwindigkeiten von bis zu 4000 km/h, um die Erde sausen. Früher oder später kommt die Explorer an denen vorbei und dabei wird unsere ein bisschen schwindelanfällige Wissenschaftlerin abgekoppelt und darf nun ohne jeden Halt, ohne Sauerstoffnachschub im All herumwirbeln. Egal ob man sie aus 200 Metern Entfernung sieht oder die Kamera direkt durch ihren Helm in ihr Sichtfeld fährt, alles wird unglaublich realistisch mit einer Wucht, wie sie nur der „Children of Men“ Regisseur oder vielleicht ein Ang Lee kreieren können, mit sehr hochwertigen 3D-Effekten auf die Kinoleinwand gezaubert.

Dies alles wird einem aber schon im Trailer gezeigt, und dies alles ist diese eine Plansequenz. Man mag sicher sein, der Höhepunkt sei hier schon verspielt gewesen, toppen kann man das sowieso nicht mehr…Genauso kann man sich auch irren.

Alfonso Cuarón ist so gut dabei, dem Publikum bewusst zu machen, wie gross die Umstände hier sind. Jederzeit ist einem klar, dass man, abseits der Sicherung an den Maschinenteilen, absolut hilflos ist. Dadurch dass im Weltall nichts existiert, was Schall übertragen könnte, und das einzige, was man hört, die Stimmen der Radios der beiden Astronauten und des Erdkommandos (Houston) und die auf den Moment genau getrimmte überhaupt nicht aufdringliche Musik sind, kann man sich sehr gut auf das graphische Meisterwerk konzentrieren. Nie steht die Kamera still, ein ständiges Drehen und Wenden, 360° Drehungen, langsames Zoomen, die wenigen Schnitte, dies alles lässt den Zuschauer etwas mit der Protagonistin teilen, Atemnot!

Dieses so gut und konsequent und wissenschaftlich korrekt inszenierte Weltraumspektakel liess sich seit Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ nicht mehr auf den Kinoleinwänden blicken. Während man bei der Enterprise stets die Protonengeschosse aufladen hört und einem bei Star Wars die Schüsse um die Ohren sausen, sind dumpfe Töne des Aufeinanderprallens, Funksprüche und das teils nervige Gestöhne und Nach-Luft-Schnappen Sandra Bullocks das einzige, was man abseits der Musik hört.
Cuarón versteht sich, die Spannung aufrecht zu erhalten und den Zuschauer in diese scheinbar aussichtslose Situation zu versetzen. Er gibt uns Zeit, durch langsame eindrückliche Kamerafahrten, darüber nachzudenken, was das alles bedeutet oder wie man selbst in diesem Moment handeln würde, und sobald man denkt, jetzt habe ich genug überlegt, es kann langsam weitergehen, genau in diesem Moment wird man aufs Neue beeindruckt, als läse der Regisseur die eigenen Gedanken.

Sandra Bullock, welche wider den Willen des Regisseurs eingesetzt wurde, überzeugt hierbei in jeder Hinsicht. Obwohl man die ganze Zeit fast nur ihr Gesicht sieht, kann man die Hilflosigkeit und die Anstrengung an ihrem Gesicht und ihren Augen ablesen, in ihrer Stimme hören. Man will als Zuschauer ihr Schicksal niemals teilen, wo sie ja nicht die einfachste Vergangenheit hatte, und folgt ihr durch diese Strapazen.
Umso glücklicher ist man, wenn immer dann, wenn es langsam zu ernst zu werden droht, unser altgediente Matt Kowalski eine schon hundertmal gehörte Geschichte erzählt oder den typischen George-Clooney-Macho-Spruch loslässt. Er scheint dabei in jeder Situation locker zu bleiben und stets alles im Griff zu haben, obwohl man genau weiss, dem ist nicht so.
Auch wenn „George Clooney“ ein grosser Name ist, der Fokus bleibt bei der Doktorin, welche auch ohne die Hilfsmittel eines Düsenrucksacks auskommen muss. Ironischerweise muss es genau die sein, welche über keine allzu grosse Weltraumerfahrung und
-ausblidung verfügt, die sich durch diese brenzlige Situation durchschlagen muss. Wer ihr bei Blind Side den Oscar absprach, muss ihn ihr hier definitiv zugestehen; eine schauspielerische Meisterleistung.

Ein Film ohne viel „Pam-Pam“

Wer Explosionen und grosses Spektakel sucht, findet hier nichts. Ein Spektakel zwar schon, aber ein zurückhaltendes, reduziertes. Die sehr dezente, aber doch beeindruckende, Inszenierung fesselt die Besucher. Dieser Streifen ist der Beweis, dass ein Film keine unglaublich verzwickte unvorhersehbare Geschichte braucht (*hust* Christopher Nolan), um wirken zu können. Hier trifft der Spruch „weniger ist mehr“ genau ins Schwarze! Jede Szene hat seine Bedeutung, sei es eine unmögliche Exposition in den Weiten des Nichts, eine Vorstellung heutigen graphischen Könnens oder Spannungsaufbau. Nirgendwo findet man etwas, was man hätte rausschneiden können, ohne den Film unfertig wirken zu lassen. Wo will man überhaupt schneiden, bei den <40 Schnitten im ganzen Film, welche hauptsächlich gegen Ende vorkommen? Wenn etwas passiert, dann geschieht es mit der Gewissheit, dass es sich in unser Bewusstsein einbrennt. Bei welchen Streifen kann man den sonst behaupten, nach 91 Minuten in einem absolut stillen, beeindruckten Saal zu sitzen?

Storytechnisch ein sehr simpler, aber graphisch umso komplexerer zum Nachdenken erregender Film mit einem Oscar bezüglich Kameraführung auf sicher!

Wertung: 9/10

2 Gedanken zu “Gravity: Wie man durch etwas ganz Schlichtes eine unbegrenzte, unbremsbare Grösse darstellen kann

  1. Hallo,
    mich hat dieser Film auch sehr bewegt. Ich habe mir viele Gedanken dazu gemacht, was ihn von all den anderen Filmen mit Weltraumsetting unterscheidet. Vielleicht ließe es sich so formulieren: Es ist ein science-fiction Streifen ohne fiction. Keine künstliche Schwerkraft, keine Geräusche außerhalb der Raumanzüge usw. Dazu muss ich allerdings erwähnen, dass ich nicht sonderlich viele Weltraumfilme gesehen habe, auch den im erwähnten Klassiker „2001“ nicht. Dennoch, auf die beschriebene Weise, unterschied er sich von allem von mir zuvor gesehenen und vielleicht ist es dieser Realismus der ihn umso spannender machte.
    Ich erinner mich lediglich an den wenigen Dialogen nicht immer gefallen gefunden zu haben, was allerdings nicht den fantastischen Gesamteindruck schmälerte. Ich freue mich schon deine Kritik zu Interstellar zu lesen. Den Film habe ich selbst noch nicht geschaut.
    Grüße

    Gefällt 1 Person

    1. Kann dir nur zustimmen. Der Weltraum war fantastisch. Selten so greifbar. Aber an den Dialogen und der Story gab es schon was auszusetzen…
      Empfehle dir unbedingt Interstellar noch im Kino, wenn möglich im IMAX, anzuschauen, solange er noch läuft. Ein einzigartiges Erlebnis. Für mich zusammen mit 12 Years a Slave, der in den Staaten ja schon letztes Jahr anlief, FOTY.

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